Fluoxetin - Mylos Geschichte oder wie uns ein Psychopharmakum den Arsch gerettet hat.

 

Der heutige Blogartikel ist sehr persönlich und bietet sicherlich auch Angriffsfläche für sehr gegensätzliche Meinungen zu dem Thema.

Dennoch liegt es mir sehr am Herzen und daher möchte ich unsere Geschichte mit dir teilen.

 

Mein Hund Mylo ist ein siebenjähriger Jagdterrier-Mischlingsrüde, den ich letztes Jahr im August aus dem Tierheim übernommen habe. Dort saß er fast ein Jahr, nachdem seine Familie, ehemalige Kund*innen von mir, ihn nach mehreren Beißvorfällen innerhalb der Familie abgegeben hatte. Bei seiner Familie hatte er zuvor drei Jahre gelebt und fast genauso lange hatte ich ihn dort auch betreut, ich kenne diesen Hund also schon viele Jahre. Man weiß nicht viel über seine Vorgeschichte bevor er zum ersten Mal im Tierheim landete, aber wir können davon ausgehen, dass diese nicht besonders rosig war. Mylo war schon immer verhaltensauffällig, zeigte seltsame Aggressionsmuster und hatte seit ich ihn kenne eine extrem niedrige Frustrationstoleranz gepaart mit kaum vorhandener Impulskontrolle. Dies waren alles Gründe, weswegen ich ihn eigentlich nicht übernehmen wollte, da ich nach drei sehr anstrengenden Jahren mit meiner Hündin Cookie, die mich mit ihren gesundheitlichen und Verhaltensbaustellen schon an meine Belastungsgrenze gebracht hatte, mir nach ihrem furchtbaren Tod eigentlich eine Atempause und einen etwas einfacheren Hund gönnen wollte. Aber ich fühlte mich für diesen kleinen schwarzen Wirbelwind nach der langen gemeinsamen Zeit verantwortlich und da durchaus das Thema Euthanasie aufgrund seiner schlechten Vermittlungschancen und seiner Attacken auf Tierheimmitarbeiter*innen ab und an schon mal vorsichtig angesprochen wurde, brach mir die Vorstellung das Herz, dass er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen sollte. Ich ging regelmäßig mit ihm spazieren, damit er nach dem Verlust seiner Familie nicht auch noch mich als Bezugsperson verlieren würde, versuchte bei der Vermittlung zu helfen und baute mit der Zeit ein noch engeres Verhältnis zu Mylo auf.

 

Im Tierheim fiel die Entscheidung ihn kastrieren zu lassen und auch wenn ich eigentlich dagegen war, entpuppte sie sich als genau richtig. Mylo wurde sichtlich ruhiger, zeigte seltener und weniger heftiges Aggressionsverhalten und wurde mit der Zeit deutlich menschenbezogener. Die Kehrseite der Medaille war jedoch, dass mit dem fehlenden Testosteron seine Unsicherheit massiv zunahm. Dennoch gab mir diese Entwicklung so viel Hoffnung, dass ich mich, als absehbar war, dass meine Zeit mit Cookie begrenzt sein würde, dafür entschied Mylo doch ein Zuhause zu geben. Als er dann schließlich bei mir einzog, nahmen mir die Tierheimmitarbeiter*innen das Versprechen ab ihn niemals zurückzubringen, da ich seine letzte Chance sei.

 

In der Anfangszeit lief vieles gut, wir trainierten eifrig an bekannten Baustellen und das Zusammenleben mit ihm war verhältnismäßig einfach. Kurze Zeit später zog mit Franzl ein weiterer Notfallhund bei mir ein, der sonst ebenfalls den Rest seines Lebens im Tierheim gesessen hätte (dazu ein anderes Mal mehr). Je länger Mylo bei mir lebte und je sicherer er sich fühlte, desto mehr stellte sich leider heraus, dass die Verhaltensauffälligkeiten, die er schon früher gezeigt hatte, durch die Zeit im Tierheim lediglich unterdrückt worden waren und diese sich trotz des Trainings nach und nach einen Weg bahnten. Es stellte sich mehr und mehr heraus, wie sensibel er auf Stress jeglicher Art reagierte und es wurde langsam klar, dass er im Tierheim eine massive Trennungsangst entwickelt hatte. Mit der Zeit entstand ein Teufelskreis, jegliche Begegnungen mit Fahrrädern, Mountainbikern, anderen Hunden, Lastwagen, Transportern, fliegenden Greifvögeln, Traktoren, jedes kurze Alleinlassen im Auto, alles wurde zur Tortur. Zu Hause äußerte sich sein erhöhter Stresspegel in massiver, aber dabei vollkommen unberechenbarer Ressourcenaggression. Es war nie klar, wann und ob er welches Objekt in welcher Intensität gegen welches Lebewesen verteidigen würde. Bewegungen in der Wohnungen konnten nur noch stattfinden, nachdem mental eine Checkliste durchgegangen wurde, ob vorher alle terrierrelevanten Dinge gemanaged und abgehakt wurden. Es gab keinen Aspekt unseres Zusammenlebens mehr, der entspannt stattfinden konnte, wir konnten nicht mehr gemeinsam Kraft tanken und positive Assoziationen miteinander knüpfen. Seine Anwesenheit fühlte sich irgendwann nur noch wie eine einzige Belastung an, es gab keine guten, stressfreien gemeinsamen Momente mehr.

 

Aufgrund meines Arbeitsalltags war es mir nicht möglich wenigstens einige der Stressoren zu eliminieren oder vernünftig mit ihm an der Trennungsangst zu arbeiten. Zudem rutschte ich zum Jahresende in einen starken Burnout und damit in eine tiefe Depression, die mir jegliche Kraft raubte. Mein Partner bekam durch Mylos Verhalten, dass sich oft vor allem gegen ihn richtete, Angst vor ihm und fühlte sich in seiner Gegenwart nicht mehr sicher. Meine Beziehung stand auf der Kippe und alle Versuche der Ursachensfindung und Problembehebung für Mylos Verhalten scheiterten. Zum Jahreswechsel stand ich in meinem Winterurlaub vor einem mentalen und körperlichen Zusammenbruch und dachte mehrfach täglich darüber nach meinen Hund wieder abzugeben, wohlwissend, dass er danach mit großer Wahrscheinlichkeit niemals ein neues Zuhause finden würde. Ich fühlte mich in meiner Rolle als Hundehalterin aber auch als Hundetrainerin wie eine grenzenlose Versagerin. In meiner Not bat ich eine liebe Freundin und Kollegin um Hilfe, die zusätzlich zu einigen praktischen Tipps auch sehr klar die Position vertrat, dass es sinnvoll wäre Mylo ein Psychopharmakum zu geben, um ihm einen besseren Umgang mit den Stressoren zu ermöglichen und mir eine Atempause zu verschaffen. In Absprache mit meiner Tierärztin entschieden wir uns für Fluoxetin, einen selektiven Serotoninaufnahmehemmer, der den verfügbaren Serotoninspiegel im Gehirn erhöhen sollte.

 

Nach einigen Wochen des Einschleichens merkte ich erste Verbesserungen. Mylo rastete nicht mehr bei jedem Hund aus, den ich mittags in mein Auto lud. Er wurde in der Wohnung entspannter, reagierte draußen später und weniger heftig auf Auslösereize und konnte entspannter damit umgehen, wenn ich mich nicht in seiner unmittelbaren Nähe aufhielt. Ich konnte ihn wieder im Auto alleine lassen und es fiel ihm weniger schwer in Gegenwart anderer Menschen meine Abwesenheit zu ertragen. Mein Partner verlor langsam seine Angst vor ihm. Unser Leben konnte nach und nach wieder zur Normalität zurückkehren und es war endlich möglich überhaupt wieder möglich trainingstechnisch einen Fuß in die Tür zu bekommen. Sowohl sein als auch mein chronischer Stress konnte nach und nach abgebaut werden. Wir fingen an wieder schöne und unbeschwerte Momente miteinander zu erleben und das gegenseitige Vertrauen wuchs. Mit der Zeit verschwanden die Gedanken ihn abgeben zu wollen und ich konnte ihn wieder als liebenswerten, tollen Hund wertschätzen. Er wurde allgemein ruhiger, konnte sich plötzlich mehr Zeit nehmen sich intensiv mit seiner Umgebung auseinander zu setzen, in Ruhe zu schnüffeln und büßte dabei trotzdem nichts von seinem Charakter oder seiner Lebensfreude ein. Er wirkte weder sediert, noch unklar im Kopf, sondern einfach entspannter und in sich ruhender.

 

Wir nutzen diese Chance jetzt, um besser und effektiver an unseren Baustellen zu arbeiten und sehen die Erfolge. Vielleicht können wir das Medikament mit der Zeit ausschleichen, vielleicht aber auch nicht, beides ist völlig in Ordnung. In der Zwischenzeit haben wir auf Sertralin gewechselt, da meine Tierärztin den Verdacht hatte, dass das Fluoxetin bei Mylo eventuell Magenprobleme verursachen könnte und schauen aktuell, wie es damit läuft. Wir sind wieder glücklich miteinander, auch wenn unser Zusammenleben nach wie vor eine Herausforderung ist. Unsere Lebensqualität hat sich um ein Vielfaches erhöht. Ich weiß, dass viele Menschen bei Psychopharmaka die Angst und die Vorurteile haben, dass es einfach nur darum geht den Hund ruhigzustellen und man dann mit einer willenlosen, sedierten Marionette zusammenlebt. Ich kann inzwischen aus eigener Erfahrung sagen, dass dieses Medikament uns wirklich gerettet und ein normales Zusammenleben überhaupt erst wieder ermöglicht hat. Es ist kein Freifahrtschein nicht mehr mit dem Hund zu arbeiten und es löst nicht auf magische Art und Weise alle Probleme. Genausowenig entbindet es von der Verantwortung den Hund auf alle möglichen organischen Beschwerden durchchecken zu lassen. Mylo hat verschiedenste Blutbilder, Röntgenuntersuchungen, physiotherapeutische Behandlungen und einen Ganzkörper-CT hinter sich, bis auf einen Zahn, der gezogen werden muss, ist mein Hund kerngesund. Unser nächstes Projekt ist eine Futterumstellung.

 

Ich möchte mit dieser sehr privaten und persönlichen Geschichte zeigen, was für eine Chance eine Behandlung mit Psychopharmaka sein kann, gerade auch, wenn man selbst begrenzte Kapazitäten hat sich mit dem durch den Hund verursachten Stress auseinanderzusetzen. Jeder Hund und jeder Mensch ist anders und am Ende ist es immer eine individuelle Entscheidung, aber ich möchte allen Menschen Hoffnung machen, deren Zusammenleben mit ihrem Hund sehr anstrengend und belastend ist und ihnen die Angst vor diesen Medikamenten nehmen. Frag im Zweifelsfall einfach mal bei einem/einer auf diesem Gebiet versierten Tierarzt/Tierärztin nach, ob eine medikamentöse Behandlung deines Hundes eine Option ist. Wenn du damit deinen Seelenfrieden zurückbekommen und deinem Hund die Chance auf ein besseres Leben ermöglichen kannst, probier es aus. Du hast nichts zu verlieren.

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